13/04/2024
Bevor wir uns ein feines Stück Roastbeef perfekt braten oder grillen, stehen wir oft vor einer grundlegenden Herausforderung: das Finden eines wirklich akzeptablen Stücks Fleisch. Der nahe Supermarkt lockt gerne mit dem obligatorischen Jungbullen-Fleisch vom Simmentaler Rind. Allein der Name weckt romantische Vorstellungen von saftigen Weiden und frischer Bergluft, wo das Tier einst aromatische Bergkräuter stibitzte, die das Fleisch besonders schmackhaft machten. Ein grandioses Marketing, das jedoch selten der Realität standhält. Simmentaler Rinder sind im Grunde nichts anderes als das, was man gemeinhin als Fleckvieh bezeichnet – eine der weltweit häufigsten Rinderrassen. Das ist prinzipiell nicht schlecht, birgt aber bei genauerer Betrachtung einige Fallstricke für den Fleischliebhaber.

Das Marketing-Märchen vom Jungbullen
Die Vorstellung vom kerngesunden, kraftstrotzenden und muskelbepackten Jungbullen, dessen Fleisch frisch und vielleicht sogar mit dem Attribut "gereift" (ohne Angabe der Reifezeit) zu einem erstaunlich niedrigen Preis im Supermarkt liegt, ist verlockend. Doch Vorsicht ist geboten. Wie der pensionierte Tierarzt Peter Gravert treffend bemerkt, wird Fleisch heute oft schon übermorgen nach der Schlachtung im Laden angeboten. Ein Reifeprozess kostet Geld, bindet Kapital und führt zu Flüssigkeitsverlust – etwa 1% pro Tag. Dies erklärt, warum das Fleisch selten wirklich reif ist, obwohl es als solches beworben wird. Es wird nicht behauptet, dass es saftig oder zart sei, und das aus gutem Grund.
Die Nachteile des Jungbullenfleisches
Trotz des verlockenden Preises und der scheinbaren Frische hat Jungbullenfleisch mehrere signifikante Nachteile, die seine Qualität für anspruchsvolle Gerichte wie Roastbeef stark einschränken:
- Menge: Da die Geburtenquote von männlichen und weiblichen Kälbern annähernd ausgeglichen ist, gibt es eine große Anzahl an Jungbullen, deren Fleisch vermarktet werden muss.
- Nutzlosigkeit: Als "Junge" geboren, sind Jungbullen oft nicht für die Zucht geeignet und geben keine Milch. Sie werden daher in relativ kurzer Zeit, oft in engen Boxen und mit Mastfutter, auf das höchstmögliche Schlachtgewicht getrimmt. Dies führt zu einem schnellen, unnatürlichen Wachstum.
- Mangelnde Marmorierung: Das Fleisch von Jungbullen bleibt in der Regel mager und ist kaum von Fett durchzogen, also nicht marmoriert. Peter Gravert betont, dass für die gewünschte Marmorierung ein Rind mindestens zwei, eher zweieinhalb Jahre gehalten werden muss. Ein Bulle, der mit 18 Monaten geschlachtet wird, kann keine nennenswerte Marmorierung aufweisen. Solche Produkte als "besonders" anzupreisen, sei eine "Verbraucherverarschung". Ein Minimum von 20 Monaten sei eigentlich nötig, und nach oben gebe es keine feste Grenze für die Haltedauer.
Wenn Sie also ein wirklich saftiges, schmackhaftes und aromatisches Steak wünschen, ist Jungbullenfleisch keinesfalls die erste Wahl. Schon gar nicht, wenn Sie ein Roastbeef perfekt braten möchten, das von Natur aus eine gute Fettverteilung benötigt, um zart und geschmackvoll zu werden.
Der Ochse: Eine überlegene Alternative
Eine hervorragende Alternative zum Jungbullen ist der Ochse – ein kastriertes männliches Rind. Die Kastration erfolgt typischerweise im ersten halben Lebensjahr. Diese Maßnahme hat zur Folge, dass das Rind gewissermaßen "verweiblicht". Durch den fehlenden Testosteronspiegel wachsen Ochsen nur noch etwa halb so schnell wie unkastrierte Bullen. Dies ist jedoch kein Nachteil, sondern ein entscheidender Vorteil für die Fleischqualität.
Ochsen wachsen deutlich länger als Stiere und erreichen dadurch eine beeindruckende Größe, die oft die eines gewöhnlichen männlichen Rindes derselben Rasse übertrifft. Während dieser längeren Wachstumsphase legen sie intramuskuläres Fett an, was zu einer feinen und gleichmäßigen Marmorierung führt. Der Körperbau verweiblicht ein wenig, und die Muskelfasern werden feiner, was das Fleisch zarter macht. Ein weiterer bemerkenswerter Effekt ist ihr sanfteres Gemüt, weshalb Ochsen historisch als Zugtiere eingesetzt wurden.
Vernünftig gehaltene Ochsen sind bei der Schlachtung mindestens ein bis eineinhalb Jahre älter als ein Jungbulle. Diese längere Haltedauer, die höhere Investitionen in Futter und Pflege mit sich bringt, rechtfertigt den höheren Preis von Ochsenfleisch. Doch dieser Preis zahlt sich in puncto Geschmack, Saftigkeit und Zartheit aus.
Die Färse: Ein weiterer Champion auf dem Teller
Neben dem Ochsen hat sich in unseren Breitengraden die Färse als erstklassige Alternative zum Jungbullen etabliert. Eine Färse ist per Definition ein geschlechtsreifes, weibliches Rind, das noch nicht gekalbt hat. Erst nach der ersten Kalbung wird sie zur Kuh.
Fleischsommelier Dirk Freyberger, erster Vorsitzender des Fleischsommelier Deutschland e.V., schwört zusammen mit seinem Bruder Sven auf das Fleisch der Färse. Sie wählen gezielt landwirtschaftliche Betriebe aus, die ihre Tiere mindestens 24 bis 36 Monate züchten. Diese lange und artgerechte Aufzucht ist entscheidend für die Qualität.
Eine Färse legt Energiereserven in Form von Fett an, um sich auf eine mögliche erste Trächtigkeit vorzubereiten. Wenn der Bauer die Färse jedoch nicht besamt und sie vergeblich auf den Zeugungsakt wartet, verteilt sich dieses gebunkerte Fett in einer unglaublich feinen Marmorierung im gesamten Fleisch. Das Ergebnis ist ein Fleisch, das nicht nur saftig, sondern auch äußerst aromatisch ist – die wichtigste Eigenschaft für ein gutes Steakfleisch. Die Brüder Freyberger bieten zudem zusätzlich gereiftes Färsenfleisch an, sowohl "dry aged" als auch "wet aged", was ein wahrer Genuss auf jedem Teller ist.
Reifung des Fleisches: Dry Aged vs. Wet Aged
Die Reifung, auch Abhängen genannt, ist ein entscheidender Prozess, der die Qualität und den Geschmack von Rindfleisch maßgeblich beeinflusst. Es gibt hauptsächlich zwei Methoden:
| Merkmal | Dry Aged (Trockenreifung) | Wet Aged (Nassreifung) |
|---|---|---|
| Methode | Fleisch reift unverpackt am Knochen unter kontrollierten Bedingungen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftzirkulation). | Fleisch wird vakuumverpackt und reift im eigenen Saft. |
| Gewichtsverlust | Deutlich (ca. 15% oder mehr durch Wasserverlust). | Gering (kaum Wasserverlust). |
| Geschmack | Intensiver, nussiger, komplexer Rindfleischgeschmack durch Konzentration der Aromen. | Milder, frischerer Geschmack; kann leicht metallisch schmecken. |
| Zartheit | Sehr zart durch enzymatischen Abbau der Muskelfasern. | Zart, aber oft weniger ausgeprägt als bei Dry Aged. |
| Kosten | Höher aufgrund des Gewichtsverlusts und des höheren Aufwands. | Geringer, da weniger Verlust und einfacherer Prozess. |
| Typische Nutzung | Hochwertige Steaks, besondere Anlässe. | Standard in Supermärkten und für den Export. |
Peter Gravert erklärt, dass das traditionelle Trocknen am Knochen – das Dry Aging – zu einem Gewichts- und damit Wertverlust von rund 15% führt. Dies ist der Hauptgrund, warum sich die Nassreifung (Wet Aging) durchgesetzt hat, insbesondere für den globalen Handel, da hier weniger Gewicht verloren geht. Beim Dry Aging konzentrieren sich jedoch alle Aromen, wodurch das Fleisch einen ungleich intensiveren Geschmack entwickelt. Manche, die diesen konzentrierten Rindfleischgeschmack nicht gewohnt sind, könnten sogar überrascht sein. Eine Reifung von sechs Wochen sei, so Gravert, wunderbar möglich. Um ein wirklich außergewöhnliches Geschmackserlebnis zu erzielen, ist trocken gereiftes Fleisch, idealerweise von einer Färse oder einem Ochsen, die beste Wahl.
Roastbeef perfekt braten: Techniken für Spitzenqualität
Die Qualität des Fleisches ist die Grundlage, doch die richtige Technik macht das Roastbeef erst perfekt. Hier sind bewährte Methoden, um der Qualität des Fleisches gerecht zu werden. Unabhängig von der Methode ist es essenziell, das Fleisch 2-3 Stunden vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank zu nehmen, damit es Zimmertemperatur annimmt.
1) Roastbeef bei Niedrigtemperatur garen
Diese Methode zielt darauf ab, das Fleisch langsam und schonend zu garen, um eine gleichmäßige Garstufe zu erreichen. Ziel-Kerntemperatur ist 55-59°C (medium). Bei 64-68°C wäre das Fleisch "durch".
- Das Roastbeef in einer Bratpfanne aus Gusseisen (z.B. Ottia Produkte) in neutralem pflanzlichen Öl oder Butterschmalz von allen Seiten kräftig anbraten, um Röstaromen und eine schöne Kruste zu erzeugen.
- Anschließend in den auf 60°C vorgeheizten Backofen geben und für eineinhalb bis zwei Stunden ruhen lassen.
- Tipp: Verwenden Sie ein Fleischthermometer, um den gewünschten Gargrad genau zu treffen.
Nachteil: Die Kruste ist am Ende nicht mehr frisch und knusprig, was den Eindruck eines "frisch gebratenen" Stücks Fleisch mindert.
2) Roastbeef rückwärts braten
Diese Methode ist ideal, um eine perfekte Kruste und einen exakten Gargrad zu erzielen. Die Schritte sind umgekehrt zur klassischen Variante: Zuerst wird im Ofen gegart, dann in Pfanne oder auf dem Grill fertiggestellt.
- Roastbeef bei 70°C im Backofen mehrere Stunden ruhen lassen. Die genaue Dauer hängt von der Dicke des Fleisches ab. Arbeiten Sie auch hier mit der Kerntemperatur, die bei etwa 55°C liegen sollte, bevor das Fleisch in Pfanne oder auf den Grill kommt.
- Anschließend das Roastbeef auf dem sehr heißen Grill oder in einer heißen Pfanne mit Pflanzenöl oder Butterschmalz rundum kross anbraten, um eine aromatische Kruste zu erhalten.
- Auf dem sehr heißen Grill die 45-45-45-45-Sekunden-Methode anwenden (je nach gewünschtem Gargrad).
- Vor dem Servieren 3-5 Minuten ruhen lassen.
Vorteil: Das Fleisch ist nach der Vorbereitung in kürzester Zeit servierbereit. Da der Ofen nur auf 55°C eingestellt wird, kann das Roastbeef maximal diese Kerntemperatur erreichen. Es spielt keine Rolle, ob es eine oder zwei Stunden später als geplant in Pfanne oder Grill kommt – es wird definitiv frisch, saftig und auf den Punkt gegart serviert.
3) Roastbeef Sous-vide Garen
Beim Sous-vide-Garen wird das vakuumierte Fleisch im Wasserbad bei Niedrigtemperatur gegart, ähnlich der Rückwärtsbrat-Methode, aber mit noch präziserer Temperaturkontrolle.
- Das eingeschweißte Fleisch ins Wasserbad geben und ziehen lassen (ca. 55°C):
- Roastbeef am Stück (ca. 1 kg): 55 Minuten
- Rumpsteak geschnitten (ca. 300g): 30 Minuten
- Roastbeef aus dem Beutel nehmen und in einer heißen Pfanne mit neutralem Öl oder Butterschmalz rundum kurz, aber kross anbraten, um eine aromatische Kruste zu erhalten.
- Auf dem sehr heißen Grill die 30-30-30-30-Sekunden-Methode anwenden (je nach gewünschtem Gargrad).
- Vor dem Servieren 2-3 Minuten ruhen lassen.
Vorteil: Die Steuerung der Kerntemperatur ist hier am exaktesten möglich. Das Roastbeef wird definitiv frisch, saftig und auf den Punkt gegart serviert.
*) Die 45-45-45-45-Sekunden-Methode (oder 30-30-30-30 für Sous-vide): Legen Sie das Fleisch auf den sehr heißen Grill. Warten Sie 45 Sekunden, ohne das Fleisch zu bewegen. Drehen Sie es dann um 90 Grad (nicht wenden!) und lassen Sie es weitere 45 Sekunden liegen. Dies erzeugt ein schönes Grillmuster. Jetzt das Fleisch wenden und weitere 45 Sekunden grillen. Drehen Sie es erneut um 90 Grad und warten Sie die restlichen 45 Sekunden ab. Diese Methode sorgt für eine gleichmäßige Bräunung und schöne Grillstreifen.
Der Gargrad eines Steaks (vom Grill!) – Kerntemperatur Tabelle
Der Einsatz eines Fleischthermometers ist unerlässlich, um den gewünschten Gargrad genau zu treffen:
| Kerntemperatur | Gargrad | Beschreibung |
|---|---|---|
| 48-51° C | Blutig | Rare | Fleisch innen rot, aber warm (weich, schwammig). |
| 52-62° C | Halb blutig | Medium Rare | Fleisch innen rot und heiß. |
| 68-70° C | Rosa | Medium | Kern noch rosa, innen heiß. |
| 76-80° C | Halb durch | Medium Well | Fest, gibt auf Druck kaum nach. |
| 85-87° C | Durch | Well Done | Innen grau (sollten Sie vermeiden, da trocken). |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was ist der größte Nachteil von Jungbullenfleisch für ein gutes Steak?
- Der Hauptnachteil ist die fehlende Marmorierung. Jungbullen werden jung geschlachtet und legen kaum intramuskuläres Fett an, was das Fleisch mager und weniger saftig und aromatisch macht.
- Warum ist Ochsenfleisch teurer als Jungbullenfleisch?
- Ochsen werden länger gehalten (mindestens ein bis eineinhalb Jahre länger als Jungbullen), was höhere Kosten für Futter und Pflege verursacht. Diese Investition zahlt sich jedoch in der deutlich besseren Fleischqualität aus.
- Was ist der Unterschied zwischen Dry Aged und Wet Aged Fleisch?
- Dry Aged Fleisch reift unverpackt am Knochen und verliert dabei Flüssigkeit und Gewicht, was zu einer Konzentration des Geschmacks führt. Wet Aged Fleisch reift vakuumverpackt im eigenen Saft und behält mehr Gewicht, hat aber einen weniger intensiven Geschmack.
- Wie erkenne ich gutes Fleisch im Supermarkt?
- Im Supermarkt ist es oft schwierig, die wahre Qualität zu beurteilen. Achten Sie auf die Bezeichnung (Ochse oder Färse sind gute Indikatoren), eine sichtbare, feine Fettverteilung (Marmorierung) und eine kräftige, frische Farbe. Fragen Sie im Zweifelsfall den Metzger Ihres Vertrauens.
- Welche Kerntemperatur ist ideal für ein saftiges Roastbeef?
- Für ein saftiges, rosa Roastbeef ist eine Kerntemperatur von 52-62°C (Medium Rare) oder 68-70°C (Medium) ideal. Vermeiden Sie Temperaturen über 80°C, da das Fleisch dann trocken wird.
- Kann man Jungbullenfleisch überhaupt gut zubereiten?
- Ja, Jungbullenfleisch kann gut zubereitet werden, ist aber für Gerichte, die auf Zartheit und Saftigkeit durch Marmorierung angewiesen sind (wie Roastbeef oder Steaks), weniger geeignet. Es kann in Schmorgerichten oder als mageres Gulasch durchaus schmackhaft sein.
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