07/03/2024
Das Hundertwasserhaus in Wien ist weit mehr als nur ein Wohngebäude; es ist ein Manifest, eine Philosophie und ein lebendiges Kunstwerk, das die traditionellen Vorstellungen von Architektur auf den Kopf stellt. Entworfen von dem visionären Künstler Friedensreich Hundertwasser, zieht dieses außergewöhnliche Bauwerk seit seiner Fertigstellung im Jahr 1985 Besucher aus aller Welt in seinen Bann. Mit seiner bunten Fassade, den unebenen Böden und den üppig begrünten Dachflächen verkörpert es Hundertwassers tiefe Überzeugung von einer harmonischen Verbindung zwischen Mensch, Natur und gebautem Raum.

- Die Vision hinter dem Hundertwasserhaus: Eine Revolution der Geraden
- Besondere Merkmale und Hundertwassers Prinzipien
- Vorteile der Hundertwasser-Architektur
- Herausforderungen der ungewöhnlichen Bauweise
- Hundertwasser-Architektur im Vergleich zur Konvention
- Weitere Hundertwasser-Bauwerke weltweit
- Häufig gestellte Fragen zum Hundertwasserhaus
- Fazit: Ein Denkmal der Individualität und Naturverbundenheit
Die Vision hinter dem Hundertwasserhaus: Eine Revolution der Geraden
Friedensreich Hundertwasser, geboren 1928 in Wien, war ein Künstler, der sich schon früh gegen die „Tyrannei der Geraden“ und die seelenlose Funktionalität der modernen Architektur auflehnte. Er sah in den uniformen, grauen Gebäuden des 20. Jahrhunderts eine Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umgebung und seiner eigenen Kreativität. Sein Ziel war es, eine Architektur zu schaffen, die den Menschen wieder mit der Natur verbindet, seine Individualität feiert und eine bunte, lebendige Umgebung ermöglicht. Dies führte zu seinem berühmten „Verschimmelungsmanifest“ und später zu konkreten architektonischen Entwürfen, die seine Ideen von begrünten Dächern, dem „Baummieter“ und dem „Fensterrecht“ veranschaulichten.
Die Idee für das Hundertwasserhaus in Wien entstand, als der damalige Wiener Bürgermeister Leopold Gratz Hundertwasser einlud, ein Wohnhaus für die Stadt zu gestalten. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit dem Architekten Josef Krawina, die später von Peter Pelikan fortgesetzt wurde, konnte Hundertwassers Vision schließlich umgesetzt werden. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das sich bewusst von jeder Konvention abhebt und eine einzigartige Ästhetik besitzt, die von Vorbildern wie Antoni Gaudí und der anonymen Architektur von Schrebergärten inspiriert ist.
Besondere Merkmale und Hundertwassers Prinzipien
Das Hundertwasserhaus ist ein Kaleidoskop an Farben und Formen, das keine rechte Winkel kennt. Jeder Winkel, jede Linie und jede Fläche ist darauf ausgelegt, die menschliche Seele zu berühren und die Natur ins Innere des Gebäudes zu holen. Die Fassade des Hauses ist ein Meisterwerk der Ungleichmäßigkeit und Spontanität. Sie ist in leuchtenden Farben gehalten, die sich organisch über die Wände ziehen, und wird durch unzählige, unregelmäßig angeordnete Fenster durchbrochen. Hundertwasser bestand darauf, dass keine zwei Fenster gleich sein sollten, um die Individualität jedes Bewohners zu betonen und die „Fensterdiktatur“ der modernen Architektur zu brechen. Jeder Bewohner sollte das Recht haben, seinen Bereich um das Fenster herum individuell zu gestalten und zu bepflanzen.
Ein weiteres zentrales Element ist die Integration von Natur. Bei der Fertigstellung wurden etwa 250 Bäume und Sträucher gepflanzt, die heute zu stattlichen Bäumen herangewachsen sind und die Dächer des Hauses in einen echten Park verwandeln. Diese „Baummieter“ sind nicht nur dekorativ, sondern symbolisieren auch die Rückgabe von Territorien an die Natur. Die unebenen Böden in den Gängen und Wohnungen sind ebenfalls ein bewusstes Gestaltungselement, das das Gefühl vermitteln soll, über natürlich gewachsenen Boden zu gehen und die Geraden des Alltags zu vergessen.
Hundertwassers Philosophie manifestiert sich in vielen Details:
- Fensterrecht: Jeder Bewohner darf das Fenster und den umliegenden Bereich nach eigenem Ermessen gestalten, um die Individualität zu stärken.
- Fassadengestaltung: Eine bunte, unregelmäßige und lebendige Außenwand, die Spontanvegetation und „Fehler“ als Bereicherung sieht.
- Toleranz der Unregelmäßigkeiten: Rost- oder Schmutzspuren werden als Teil des natürlichen Alterungsprozesses und der Schönheit des Hauses akzeptiert.
- Terrassen: Offene, begrünte Terrassen, die das Stadtbild bereichern und Lebensraum für Pflanzen bieten.
- Baummieter: Bäume, die direkt in den Wohnbereichen oder auf den Dächern wachsen, bringen die Natur ins Haus.
- Mosaiken und Wandelgänge: Spontan angeordnete Mosaiken schmücken Wände, Böden und Gänge und schaffen eine lebendige, individuelle Atmosphäre.
- Brunnen: Ein aus verschiedenen Elementen bestehender Brunnen symbolisiert die Verbindung von Architektur und Natur.
- Badezimmer: Gestaltung, die die Geraden und rechten Winkel vergessen lässt und ein Gefühl der Befreiung vermittelt.
- Skyline: Eine organische, hügelige Dachlandschaft, die sich von der eintönigen, geradlinigen Skyline moderner Städte abhebt und eine Brücke zum Spirituellen schlagen soll.
Vorteile der Hundertwasser-Architektur
Die unkonventionelle Bauweise des Hundertwasserhauses bietet eine Reihe von Vorteilen, die über die reine Ästhetik hinausgehen:
- Einzigartigkeit und Kreativität: Das Haus ist ein weltweit anerkanntes Symbol für kreative Freiheit und bricht mit architektonischen Normen. Es inspiriert zu neuem Denken über Wohnraum und Stadtgestaltung.
- Mensch-Natur-Harmonie: Die Integration von Grünflächen, Bäumen und organischen Formen fördert eine tiefere Verbindung zur Natur. Dies kann das Wohlbefinden der Bewohner verbessern und einen positiven Beitrag zum Mikroklima der Stadt leisten. Die Naturharmonie ist ein zentraler Pfeiler von Hundertwassers Werk.
- Individualität und Identität: Durch das „Fensterrecht“ und die unregelmäßige Gestaltung können sich die Bewohner stärker mit ihrem Wohnraum identifizieren und ihn aktiv mitgestalten. Dies fördert ein Gefühl von Zugehörigkeit und Einzigartigkeit.
- Touristische Anziehungskraft: Das Hundertwasserhaus ist eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Wiens und zieht jährlich Tausende von Touristen an. Dies trägt zur kulturellen und wirtschaftlichen Bereicherung der Stadt bei.
- Nachhaltigkeitsaspekte: Begrünte Dächer und Fassaden tragen zur Isolierung bei, reduzieren den Wärmeverlust im Winter und kühlen im Sommer. Sie helfen auch, Regenwasser aufzunehmen und die Luftqualität zu verbessern.
Herausforderungen der ungewöhnlichen Bauweise
Trotz seiner vielen Vorzüge birgt die außergewöhnliche Bauweise des Hundertwasserhauses auch spezifische Herausforderungen, die bei Planung, Bau und Instandhaltung berücksichtigt werden müssen:
- Höhere Bau- und Unterhaltskosten: Die komplexen organischen Formen, die unregelmäßigen Fenster und die aufwendige Begrünung erfordern spezielle Handwerkstechniken und Materialien, die teurer sind als bei standardisierten Bauweisen. Auch die langfristige Pflege der Pflanzen und die Wartung der unkonventionellen Strukturen sind kostspieliger.
- Komplexität der Umsetzung: Die Abkehr von rechten Winkeln und geraden Linien stellt hohe Anforderungen an die Bauplanung und -ausführung. Die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Architekten kann, wie im Fall des Hundertwasserhauses selbst, schwierig sein, da künstlerische Visionen in bautechnische Realitäten umgesetzt werden müssen.
- Pflege der Naturintegration: Die „Baummieter“ und begrünten Dachflächen erfordern eine kontinuierliche Pflege, Bewässerung und Überwachung, um ihr Wachstum zu gewährleisten und Schäden am Gebäude zu vermeiden. Dies ist aufwendiger als bei Gebäuden ohne solche Integration.
- Akzeptanz und Geschmack: Während viele die künstlerische Freiheit und den Bruch mit der klassischen Architektur schätzen, empfinden andere die verspielte, farbenfrohe und unregelmäßige Gestaltung als unruhig oder überladen. Nicht jeder Bauherr oder Bewohner ist bereit, sich auf eine so Organische Architektur einzulassen.
- Funktionalität vs. Ästhetik: In einigen Fällen kann die extreme Ästhetik die praktische Funktionalität beeinträchtigen, beispielsweise durch unebene Böden, die für manche Menschen gewöhnungsbedürftig sind oder die Möbelplatzierung erschweren können.
Hundertwasser-Architektur im Vergleich zur Konvention
| Merkmal | Konventionelle Architektur | Hundertwasser-Architektur |
|---|---|---|
| Formensprache | Geradlinig, symmetrisch, rechte Winkel | Organisch, unregelmäßig, wellenförmig, spiralförmig |
| Fassade | Uniform, glatt, oft neutralfarbig | Bunt, individuell, unregelmäßig, spontane Begrünung |
| Böden | Eben, glatt, funktional | Uneben, wellenförmig, naturnah |
| Fenster | Gleichförmig, regelmäßig angeordnet | Individuell, unregelmäßig, „Fensterrecht“ für Bewohner |
| Naturintegration | Minimal (Gärten außerhalb des Gebäudes) | Maximal (Baummieter, begrünte Dächer, Terrassen, Innenhöfe) |
| Baukosten | Standardisiert, oft niedriger | Höher aufgrund komplexer Formen und Materialien |
| Wartung | Standardisierte Prozesse | Aufwendiger, spezialisierte Pflege für Pflanzen und Strukturen |
| Ziel | Funktionalität, Effizienz, Wirtschaftlichkeit | Harmonie, Individualität, Kreativität, Mensch-Natur-Verbindung |
Weitere Hundertwasser-Bauwerke weltweit
Das Hundertwasserhaus in Wien war nur der Anfang. Friedensreich Hundertwasser hat in Zusammenarbeit mit Architekten wie Peter Pelikan und Heinz M. Springmann zahlreiche weitere Bauwerke geschaffen, die seine Philosophie widerspiegeln und weltweit Bewunderung finden. Zu den bekanntesten gehören:
- Die Grüne Zitadelle von Magdeburg (Deutschland): Ein farbenfrohes Wohn- und Geschäftshaus, das ebenfalls stark von organischen Formen und der Integration von Pflanzen geprägt ist.
- Die Hundertwasser-Therme in Bad Blumau (Österreich): Eine Therme, die als ein Gebäude in Einklang mit der Natur gestaltet wurde, mit geschwungenen Formen, begrünten Dächern und einer farbenfrohen Fassade.
- Die Waldspirale in Darmstadt (Deutschland): Ein Wohnkomplex, der Hundertwassers organische Designprinzipien fortsetzt.
- Das Luther-Melanchthon-Gymnasium in Lutherstadt Wittenberg (Deutschland).
- Das Rogner Bad Blumau (Österreich), ein weiteres beeindruckendes Beispiel seiner Arbeit.
Diese Bauwerke beweisen, dass Hundertwassers Vision einer humanen und naturnahen Architektur nicht auf Wien beschränkt blieb, sondern global Anklang fand und als Lebendiges Kunstwerk weiterhin inspiriert.
Häufig gestellte Fragen zum Hundertwasserhaus
Wann wurde das Hundertwasserhaus gebaut?
Die Bauzeit des Hundertwasserhauses erstreckte sich vom 16. August 1983 bis zum 15. Oktober 1985.
Wem gehört das Hundertwasserhaus in Wien?
Das Haus gehört der Stadt Wien.
Wie hoch waren die Baukosten?
Die Baukosten des Hundertwasserhauses betrugen etwa 6 Millionen Euro.

Was ist das Besondere an der Architektur des Hundertwasserhauses?
Die Architektur des Hundertwasserhauses ist sehr ungewöhnlich und unterscheidet sich stark von traditionellen Gebäuden. Es zeichnet sich durch unebene Böden, eine bunte Fassade, unregelmäßige Fensteranordnungen und eine Vielzahl von Pflanzen aus, die das Haus begrünen. Hundertwasser ließ sich von verschiedenen Einflüssen inspirieren, darunter der Architekt Antoni Gaudí und die anonyme Architektur der Schrebergärten. Es ist ein lebendiges Beispiel für organische Architektur.
Wie groß ist die Wohnfläche im Hundertwasserhaus?
Die reine Wohnfläche im Hundertwasserhaus beträgt etwa 3.550 m². Die Wohnungsgrößen variieren zwischen 30 m² und 150 m².
Lohnt sich ein Besuch beim Hundertwasserhaus?
Ein Besuch beim Hundertwasserhaus lohnt sich auf jeden Fall, besonders für Kunst- und Architekturliebhaber sowie für Menschen, die sich für außergewöhnliche und einzigartige Orte interessieren. Es ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Wiens und bietet eine faszinierende Atmosphäre, die sich deutlich von herkömmlichen Gebäuden abhebt.
Was ist das Hundertwasser Village?
Das Hundertwasser Village befindet sich direkt gegenüber dem Hundertwasserhaus in der Kegelgasse. Es wurde ebenfalls von Friedensreich Hundertwasser mitgestaltet und ist ein kleines Einkaufszentrum mit Souvenirgeschäften, das seinen einzigartigen Stil widerspiegelt. Es wurde am 17. Juni 1991 eröffnet.
Gibt es Eintrittspreise für das Hundertwasserhaus?
Das Hundertwasserhaus ist ein Wohnhaus und kann von außen kostenfrei besichtigt werden. Es gibt keine offiziellen Eintrittspreise für das Gebäude selbst, da die Wohnungen bewohnt sind. Das Hundertwasser Village und das nahegelegene KunstHausWien (das eine permanente Hundertwasser-Werkschau zeigt) haben eigene Öffnungszeiten und ggf. Eintrittspreise.
Wie kommt man zum Hundertwasserhaus?
Das Hundertwasserhaus befindet sich im 3. Wiener Gemeindebezirk an der Ecke Kegelgasse 34-38 und Löwengasse 41-43. Es ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Fazit: Ein Denkmal der Individualität und Naturverbundenheit
Das Hundertwasserhaus in Wien ist ein unvergleichliches architektonisches Experiment, das die Grenzen des Möglichen auslotet und die Fantasie beflügelt. Es ist ein Denkmal für die Individualität, die Ablehnung von Konventionen und die tiefe Sehnsucht nach einer Architektur, die im Einklang mit der Natur steht. Trotz der Herausforderungen, die seine unkonventionelle Bauweise mit sich bringt, bleibt es ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Kunst und Bauwesen zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen können. Es lädt uns ein, die Welt mit anderen Augen zu sehen – bunter, unregelmäßiger und lebendiger. Für jeden, der Wien besucht, ist das Hundertwasserhaus ein absolutes Muss, um die einzigartige Ästhetik und die tiefgründige Philosophie von Friedensreich Hundertwasser persönlich zu erleben.
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