04/12/2023
Das Weißes Scherzel, in anderen Regionen auch als Schwanzrolle, Seemerrolle oder Runder Mocken bekannt, ist ein faszinierendes Rindfleischteilstück, das oft unterschätzt wird. Es sitzt am hinteren Teil des Knöpfels, direkt neben dem Tafelstück, von dem es sich jedoch durch seine einzigartigen Eigenschaften deutlich abgrenzt. Während das Tafelstück oft für den berühmten Tafelspitz verwendet wird, hat das Weiße Scherzel seine ganz eigenen Stärken, die es zu einem unverzichtbaren Bestandteil der österreichischen, insbesondere der Wiener, Küche machen. Seine Vielseitigkeit reicht vom klassischen Schmorbraten bis hin zum zarten Siedefleisch und bildet sogar die Basis für delikaten Saftschinken. Doch wie bereitet man dieses besondere Stück Fleisch optimal vor und, noch wichtiger, wie schneidet man es richtig, um sein volles Potenzial auszuschöpfen?
- Ein Teilstück mit Charakter: Das Weiße Scherzel verstehen
- Die Kunst des Spickens: Feuchtigkeit bewahren
- Das Weiße Scherzel richtig schneiden und portionieren
- Vielseitige Zubereitungsmöglichkeiten: Mehr als nur Braten
- Regionale Bezeichnungen und Teilstückgewichte
- Häufig gestellte Fragen (FAQs) zum Weißen Scherzel
- 1. Ist das Weiße Scherzel zum Grillen geeignet?
- 2. Wie verhindere ich, dass das Weiße Scherzel beim Braten trocken wird?
- 3. Kann man aus dem Weißen Scherzel Steaks schneiden?
- 4. Was ist die beste Garmethode für das Weiße Scherzel?
- 5. Was bedeutet es, wenn das Fleisch als „bröselig“ beschrieben wird?
- 6. Gibt es einen Unterschied zwischen Weißem Scherzel und Tafelspitz?
Ein Teilstück mit Charakter: Das Weiße Scherzel verstehen
Das Weiße Scherzel ist ein ausgesprochen mageres Stück Fleisch. Es zeichnet sich durch seine helle Farbe und eine eher grobfasrige Struktur aus. Diese Eigenschaften machen es ideal für bestimmte Zubereitungsarten, erfordern aber auch ein gewisses Verständnis im Umgang damit. Im Gegensatz zu stärker marmorierten Teilstücken besitzt das Weiße Scherzel kaum intramuskuläres Fett, was einerseits für eine leichte Mahlzeit sorgt, andererseits aber auch die Gefahr des Austrocknens bei falscher Zubereitung birgt. In Wien wird es als Siedefleisch oft als „bröselig“ beschrieben und geschätzt – eine Textur, die bei Kennern hoch im Kurs steht und das Mundgefühl bei richtigem Garen einzigartig macht.

Die klare Abgrenzung vom Tafelstück ist essenziell, da beide zwar benachbart liegen, aber unterschiedliche kulinarische Anwendungen finden. Das Weiße Scherzel ist aufgrund seiner festen, aber zarten Struktur prädestiniert für Gerichte, die eine längere Garzeit erfordern, um seine Fasern aufzubrechen und es zart und saftig zu machen. Ob im Ganzen geschmort, in Scheiben geschnitten für Rouladen oder als traditionelles Siedefleisch – die richtige Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg.
Die Kunst des Spickens: Feuchtigkeit bewahren
Angesichts der Magerkeit des Weißen Scherzels ist eine Technik von entscheidender Bedeutung: das Spicken. Hierbei werden dünne Streifen von grünem Speck oder Lardo längs der Faser in das Fleisch eingezogen. Dieser Schritt ist nicht nur optisch ansprechend, da der Speck beim Garen schmilzt und schöne Muster im Fleisch hinterlässt, sondern erfüllt vor allem einen praktischen Zweck: Er schützt das Fleisch vor dem Austrocknen. Das schmelzende Fett des Specks durchzieht das magere Fleisch, hält es saftig und verleiht ihm zusätzlichen Geschmack und eine angenehmere Textur.
Für das Spicken benötigen Sie eine Spicknadel, ein Küchenutensil, das einem großen Nadel ähnelt und speziell dafür konzipiert ist, Speckstreifen durch Fleisch zu ziehen. Schneiden Sie den grünen Speck in etwa fingerdicke, längliche Streifen. Führen Sie die Spicknadel mit einem Speckstreifen behutsam längs der Faser durch das Fleisch. Achten Sie darauf, dass die Speckstreifen gleichmäßig verteilt sind, um eine optimale Feuchtigkeitsversorgung zu gewährleisten. Dieser einfache, aber effektive Schritt hebt Ihr Schmorbraten aus dem Weißen Scherzel auf ein neues Niveau und verwandelt ein potenziell trockenes Stück Fleisch in ein saftiges Geschmackserlebnis.
Das Weiße Scherzel richtig schneiden und portionieren
Einer der großen Vorteile des Weißen Scherzels ist seine ideale, relativ gleichmäßige Form, die nur wenig Vorbereitung erfordert. Im Gegensatz zu anderen Teilstücken muss es in der Regel nicht aufwendig pariert werden, da es kaum Sehnen oder überschüssiges Fett besitzt, das entfernt werden müsste. Dies macht es zu einem sehr benutzerfreundlichen Stück Fleisch für die Küche.
Das Schneiden des Weißen Scherzels hängt stark von der geplanten Zubereitungsart ab:
- Für Schmorbraten oder Siedefleisch im Ganzen: Wenn Sie das Weiße Scherzel im Ganzen zubereiten möchten, ist kein spezieller Schnitt erforderlich. Es kann so, wie es ist, in den Topf oder Bräter gegeben werden. Das Spicken sollte jedoch vorab erfolgen, wie oben beschrieben. Die Form des Teilstücks ist ideal, um eine gleichmäßige Garung zu gewährleisten.
- Für Rouladen: Um Rouladen aus dem Weißen Scherzel zu schneiden, legen Sie das gesamte Stück flach auf ein Schneidebrett. Schneiden Sie es dann quer zur Faser in etwa 1-2 cm dicke Scheiben. Diese Scheiben können dann bei Bedarf noch etwas plattiert werden, um eine größere Fläche für die Füllung zu erhalten. Achten Sie darauf, dass die Scheiben gleichmäßig dick sind, damit die Rouladen später gleichmäßig garen.
- Für Schnitzel: Ähnlich wie bei Rouladen werden für Schnitzel ebenfalls Scheiben quer zur Faser geschnitten. Diese sollten etwas dünner sein, etwa 0,5-1 cm. Auch hier ist ein leichtes Plattieren oft hilfreich, um die gewünschte Schnitzelform und -dicke zu erzielen.
- Für Gulasch oder Ragout: Obwohl das Weiße Scherzel nicht die erste Wahl für Gulasch ist, kann es verwendet werden, wenn man ein sehr mageres Ergebnis wünscht. Schneiden Sie das Fleisch dafür in gleichmäßige Würfel von ca. 2-3 cm Kantenlänge.
Es ist wichtig, immer ein scharfes Messer zu verwenden, um saubere Schnitte zu erzielen und die Fleischfasern nicht unnötig zu zerreißen. Beim Spicken (wie oben erwähnt) erfolgt das Einziehen des Specks immer längs der Faser, während das Portionieren für Rouladen oder Schnitzel quer zur Faser geschieht. Dies gewährleistet, dass das Fleisch nach dem Garen zart ist und nicht zäh wird.
Vielseitige Zubereitungsmöglichkeiten: Mehr als nur Braten
Die Vielseitigkeit des Weißen Scherzels in der Küche ist beeindruckend. Obwohl es klassisch als Schmorbraten oder Siedefleisch bekannt ist, bieten sich noch weitere kreative Anwendungen an:
- Schmorbraten: Dies ist eine der beliebtesten Zubereitungsarten. Das Weiße Scherzel wird nach dem Spicken scharf angebraten und dann mit Gemüse, Flüssigkeit (wie Wein, Brühe oder Wasser) und Gewürzen über mehrere Stunden bei niedriger Temperatur geschmort. Die lange Garzeit macht das magere Fleisch unglaublich zart und saftig. Eine Kerntemperatur von etwa 78 °C ist für einen perfekt gegarten Schmorbraten ideal, da das Kollagen bei dieser Temperatur beginnt, sich in Gelatine umzuwandeln und das Fleisch dadurch butterweich wird.
- Wiener Siedefleisch: Als integraler Bestandteil der Wiener Siedefleischküche wird das Weiße Scherzel sanft in einer aromatischen Brühe gekocht. Das Ergebnis ist ein zartes, „bröseliges“ Fleisch, das oft mit Semmelkren, Apfelkren oder Schnittlauchsauce serviert wird. Die Brühe selbst ist eine köstliche Basis für Suppen.
- Rouladen: Wie bereits erwähnt, können aus dem Weißen Scherzel hervorragende Rouladen geschnitten werden. Gefüllt mit Speck, Zwiebeln, Gurken und Senf, geschmort in einer kräftigen Sauce, sind sie ein herzhaftes Gericht, das in vielen Küchen beliebt ist.
- Saftschinken: Das Weiße Scherzel bildet auch die Ausgangsbasis für die Herstellung von Saftschinken. Hierbei wird das Fleisch gepökelt und dann sanft gegart, was zu einem zarten, saftigen und aromatischen Schinken führt.
- Dünne Schnitzel: Obwohl weniger traditionell, können aus dem Weißen Scherzel auch sehr dünne Schnitzel geschnitten und kurz gebraten werden, ähnlich einem Minutensteak, jedoch erfordert dies besondere Sorgfalt, um ein Austrocknen zu vermeiden.
Unabhängig von der gewählten Methode ist Geduld beim Garen entscheidend. Das Weiße Scherzel ist kein Teilstück für schnelle Zubereitungsmethoden wie Kurzbraten oder Grillen, da seine Magerkeit und Faserstruktur eine längere Garzeit erfordern, um die gewünschte Zartheit zu erreichen.
Regionale Bezeichnungen und Teilstückgewichte
Die Benennung von Fleischteilstücken kann regional sehr unterschiedlich sein, was manchmal zu Verwirrung führen kann. Hier ist eine Übersicht der gängigsten Bezeichnungen für das Weiße Scherzel:
| Region/Sprache | Bezeichnung |
|---|---|
| Österreich (AT) | Weißes Scherzel |
| Deutschland (D) | Schwanzrolle, Seemerrolle, Rolle |
| Schweiz (CH) | Runder Mocken |
| Englisch (ENG) | Eye of Round |
| Italienisch (ITA) | Magatello |
| Französisch (F) | Rond de gîte de noix |
| Niederländisch (NL) | Muis |
Die durchschnittlichen Gewichte des Weißen Scherzels können je nach Alter und Geschlecht des Rindes variieren:
- Jungstier: ca. 3,0 kg
- Kalbin: ca. 1,8 kg
Diese Gewichte sind Durchschnittswerte und können je nach Tier und Zuschnitt leicht abweichen. Die Größe des Teilstücks ist ein wichtiger Faktor für die Garzeit: Ein größeres Stück benötigt tendenziell länger, um die gewünschte Kerntemperatur zu erreichen und zart zu werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQs) zum Weißen Scherzel
1. Ist das Weiße Scherzel zum Grillen geeignet?
Aufgrund seiner Magerkeit und grobfasrigen Struktur ist das Weiße Scherzel nicht ideal zum Grillen. Es würde sehr schnell austrocknen und zäh werden. Es ist viel besser für Methoden geeignet, die eine längere, feuchte Garmethode erfordern, wie Schmoren oder Sieden.
2. Wie verhindere ich, dass das Weiße Scherzel beim Braten trocken wird?
Das Spicken mit Speckstreifen ist die effektivste Methode, um das Austrocknen zu verhindern. Das schmelzende Fett des Specks durchzieht das magere Fleisch und hält es saftig. Auch das Anbraten bei hoher Hitze, um eine Kruste zu bilden, und das anschließende langsame Schmoren in ausreichend Flüssigkeit tragen dazu bei, die Feuchtigkeit im Fleisch zu bewahren.
3. Kann man aus dem Weißen Scherzel Steaks schneiden?
Technisch ist es möglich, Scheiben zu schneiden, aber aufgrund der Faserstruktur und des geringen Fettgehalts ist es nicht für die Zubereitung als Steak geeignet. Es würde sehr zäh und trocken schmecken. Für Steaks eignen sich besser Teilstücke wie Rib Eye, Rumpsteak oder Filet.
4. Was ist die beste Garmethode für das Weiße Scherzel?
Die besten Garmethoden sind das Schmoren (als Braten) oder das Sieden (als Siedefleisch). Beide Methoden ermöglichen eine lange, schonende Garzeit, die notwendig ist, um die Fasern aufzubrechen und das Fleisch zart und genießbar zu machen.
5. Was bedeutet es, wenn das Fleisch als „bröselig“ beschrieben wird?
„Bröselig“ ist eine Beschreibung, die in der Wiener Küche oft für das Weiße Scherzel verwendet wird, insbesondere wenn es als Siedefleisch zubereitet wird. Es bezieht sich auf die Textur des gekochten Fleisches, das sich leicht in kleine, zarte Stücke zerteilen lässt und nicht faserig oder zäh ist. Es ist ein Qualitätsmerkmal für dieses Teilstück in der Siedefleischküche.
6. Gibt es einen Unterschied zwischen Weißem Scherzel und Tafelspitz?
Ja, obwohl sie benachbart liegen, gibt es deutliche Unterschiede. Das Weiße Scherzel ist magerer und hat eine grobfasrigere Struktur als das Tafelspitz. Tafelspitz ist oft von einer Fettschicht bedeckt und wird beim Sieden sehr zart und saftig, behält aber eine festere Struktur. Das Weiße Scherzel hingegen wird beim Sieden eher „bröselig“ und ist weniger saftig, wenn nicht gespickt oder lange geschmort. Beide sind jedoch exzellente Siedefleischstücke, bieten aber unterschiedliche Texturen und Geschmackserlebnisse.
Das Weißes Scherzel ist somit weit mehr als nur ein einfaches Stück Rindfleisch. Es ist ein Teilstück mit Charakter, das bei richtiger Behandlung – insbesondere durch die Kunst des Spickens und die Wahl der passenden, langsamen Garmethode – zu einem wahren Gaumenschmaus avanciert. Seine Vielseitigkeit in der Zubereitung, sei es als saftiger Schmorbraten, traditionelles Siedefleisch oder Basis für delikaten Schinken, macht es zu einem wertvollen Bestandteil jeder Küche. Wer die Besonderheiten dieses mageren, aber geschmackvollen Fleisches kennt und beherrscht, wird mit kulinarischen Erlebnissen belohnt, die lange in Erinnerung bleiben. Probieren Sie es selbst aus und entdecken Sie die verborgenen Qualitäten dieses unterschätzten Rindfleischteilstücks!
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